Der Berchtesgadener Anzeiger berichtet am 20. März 2020:

Kein Essen mehr von der Tafel

Zu hohes Risiko für ehrenamtliche Mitarbeiter – Das Corona-Virus bremst Lebensmittelausgabe vorerst aus

Tafel CoronaBerchtesgaden – Für viele Bedürftige ist die Berchtes­gadener Tafel Anlaufpunkt zur Unterstützung des Lebens­unterhalts. Ab Samstag wird es vorerst keine gewohnte Essensausgabe am Rathausplatz mehr geben. Der Grund ist auch hier die derzeitige Corona-Pandemie. Das Risiko vor Ansteckungen der Mitarbeiter und Kunden ist aktuell nicht vertretbar. Alle fünf Tafeln im Landkreis Berchtesgadener Land stellen ihren Betrieb mit den Ausgaben und damit auch das Abholen von Lebensmitteln vorübergehend ein. Über die Zeitdauer der Schließung lässt sich derzeit nur spekulieren.

Eine solche Situation hat es in der 15-jährigen Geschichte der Berchtesgadener Tafel noch nicht gegeben. Aufgrund der aktuellen Entwicklung des Corona-Virus sieht sich die Leitung gezwungen, die Lebensmittel­ausgabe mit sofortiger Wirkung einzustellen. Diese Entscheidung zu treffen fiel äußerst schwer. Es gilt aktuell jedoch die Gesundheit der Gäste und des ehrenamtlichen Personals zu berücksichtigen.

»Es blutet uns das Herz, dass wir die Einrichtung schließen müssen«, sagt Manfred Weber und ergänzt: »Unsere Mitarbeiter sind überwiegend 70 plus und fallen somit in die Risikogruppe. Alternativ junges Personal für die Essensverteilung zu finden, scheint aussichtslos. Aktuell ist es eine der wichtigsten Maßnahmen soziale Kontakte beziehungsweise Gruppierungen zu vermeiden. Wer einmal an den Tafeltätigkeiten am Samstagmittag teilgenommen hat, dem wird sofort klar, dass diese Einrichtung jetzt absolut zu unterbinden ist.«

Enge Räumlichkeit

Die Virus-Ausbreitungsgefahr liegt förmlich in der Luft. Das 15-köpfige ehrenamtliche Personal muss rund drei Stunden die Bedürftigen versorgen. Vor der Tafel warten 30 bis 50 Personen auf den Einlass. Mit dabei sind ältere Menschen, Kinder, Schwangere. Somit geraten alle zwangsläufig in dichten und massiven Kontakt. Die äußerst enge Räumlichkeit verstärkt die Übertragungs­problematik zusätzlich. All das sind mehr als aussagekräftige Argumente für die Schließung. Eine Übertragung unter den Mitarbeitern ist ebenfalls möglich. Da schützt auch eine starke Hygiene nicht zwingend davor. Würde auch nur ein Mitarbeiter der Tafel erkranken, müssten alle in Quarantäne.

»Das alles ist unseren Kunden, der Öffentlichkeit, aber auch ganz besonders unseren freiwilligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen keinesfalls zumutbar. Aber: In Absprache mit dem Vorstand wollen wir versuchen, in der Osterwoche eine Ausgabe zu realisieren, wenn es von den Rahmenbedingungen her einigermaßen verantwortbar ist. Doch die Lage muss tagesaktuell immer neu bewertet werden, ob wir unsere Arbeit wieder aufnehmen können oder nicht. Die Lebens­mittelspender wurden von uns schriftlich informiert, ein Aushang am Tafellokal ist für jeden einsehbar«, sagt Weber.

Bundesweit kein Einzelfall

Die Berchtesgadener Tafel ist bayern- und bundesweit jedoch keine Ausnahme. Viele Tafeln im Freistaat haben bereits geschlossen. In der gesamten Bundesrepublik stehen die Tafeln vor ähnlichen Schwierig­keiten und müssen ihre Tätigkeit stoppen. Ebenfalls zu kämpfen haben die noch geöffneten Tafeln mit den sogenannten Hamsterkäufen. Das Horten führte bereits vielerorts zu Lebensmittel-Engpässen aus dem Einzelhandel. Bei manchen ist die Versorgung um 40 Prozent eingebrochen. Die Unterstützung wird sich zunehmend verschlechtern, beziehungsweise hat sich dann durch Schließungen erledigt. Auch zog es vonseiten einiger Tafelgäste Beschimpfungen auf Online-Portalen nach sich. Das teilte der Landesverband der Tafeln-Bayern mit. Dieser machte jedoch allen nochmals bewusst, dass die Tafel eine freiwillige und ehrenamtliche Einrichtung ist und sich für arme Menschen besonders eingesetzt hat, aber keine Vollversorger sind.

Wie lange die Berchtesgadener Tafel geschlossen bleibt, kann selbst Manfred Weber nicht prognostizieren. »Niemand kann das wissen. Wie lange sich die Corona-Krise noch hinziehen wird, bleibt ein großes X«, resümiert er. Weber hofft jedoch, dass Nachbarn und Bekannte in der prekären Lage Tafelgäste persönliche Hilfe anbieten.

Ihm ist bewusst, dass die Schließung für die Tafelgäste nicht nur fehlende Ressourcen für ihre Familien bedeutet, sondern auch der fehlende Kontakt zu Informations- und Unterstützungsanlaufstellen.

Über den aktuellen Stand der Berchtesgadener Tafel informiert die Homepage oder das Facebook-Portal. Bei dringendem Versorgungs- oder Hilfebedarf können sich Tafelkunden an die Leitung wenden (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) wenden.

Jörg Tessnow